Wir müssen neue Bewertungssysteme aufbauen

Ein entscheidender Schritt in Richtung gelebter Nachhaltigkeit in unserer Industrie ist der Aufbau völlig neuer Datenbanken.
Welche Art sind denn die Produktinformationen, die wir heute und bis jetzt akribisch zusammentragen und sammeln? 
Ein Blick in die aktuellen Datenbanken in unserer Branche verrät: Wir speichern Artikelnummern, Farbcodes, Herstellerinformationen, EAN- Codes, Herstellungsländer (meist für Zollzwecke), Einkaufspreise pro Meter oder Stück, Verbrauchsangaben pro eingesetztem Vormaterial, Mindestbestellmengen und Lieferzeiten. Wir errechnen bestenfalls noch die kalkulatorische Produktionszeit in dem wir die „Fertigungsminuten“ ermitteln und mit dem Kostensatz der Eigenfertigungen oder dem verhandelten Minutensatz der Zulieferer multiplizieren. 
Das Ganze führen wir in Artikelstücklisten zu einer Kalkulation zusammen, fügen unter Umständen noch kalkulatorischen Zusatzverbrauch, jedenfalls aber Transportkosten und fällige Zölle hinzu: Am Ende steht eine Zahl in einer Geldeinheit: Auf Cent genau wissen wir dann die Kosten für den Einkauf eines entsprechenden Artikels, können auf Knopfdruck die exakte Tarifnummer für Verzollungszwecke abrufen und wissen jedenfalls auch über die kalkulatorische Beschaffungsdauer Bescheid.
Dieser Wert dient dann für alle weiteren Kalkulationen und vor allem ist sie Grundlage für die meisten nachfolgenden Entscheidungen. Der Verkaufspreis wird ermittelt, oder es wird, wenn dieser schon vorab aufgrund von Marktpreisen festgelegt war, der erzielte Rohaufschlag errechnet. Die Finanz- oder Controlling Abteilung ist zufrieden, wenn alle Zahlen verfügbar sind. Für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens ist die Transparenz der Kosten wichtig – das wird auch so bleiben.  

Im selben Maße wie wir heute wirtschaftliche Daten sammeln und verwalten wird es in einer nachhaltigen Zukunft unsere Aufgabe und Pflicht werden, viele weitere Informationen über die von unserer Industrie erzeugten Produkte einzuholen und darüber ebenfalls akribisch Buch zu führen. Wie sonst wollen wir unseren Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit kontrollieren und nachweisen? 

Wie aber kann ein Nachhaltigkeitscontrolling aussehen?  

Einen ersten Schritt machen viele Unternehmen bereits heute mit Hilfe einer CO2-Kalkulation. Dabei werden alle Aktivitäten der unternehmerischen Tätigkeit auf Ihren CO2-Ausstoß überprüft. Für diese Überprüfung stehen mittlerweile darauf spezialisierte Dienstleistungsunternehmen am Markt zur Verfügung, deren Leistung einerseits die Ermittlung des CO2 Ausstoßes ist, die aber auch als Makler für C02 Kompensation auftreten. 
Die Herausforderung, die sich dabei stellt: Diese Überprüfung findet nur in der eigenen Fertigungsstufe statt. Kein Hersteller erhält beim Ankauf von Vormaterialien eine verbindliche Auskunft darüber, wie hoch der CO2 Ausstoß des eingekauften Materials pro Einkaufseinheit ist. 
Ebendiese Information müssen wir aber in Zukunft einholen. Darüber hinaus wird es auch einen Unterschied machen, ob die CO2 Bilanz des eingekauften Produktes aufgrund der tatsächlichen CO2 Emissionen während des Produktionsprozesses ermittelt wurde, oder ob sie durch Kompensation zum Positiven verändert wurde.
Das ist aus dem Grund wichtig, weil Kompensation zwar eine gute und wichtige Sache ist, sich aber der Erfolg und der positive Effekt für die Umwelt erst in der Zukunft einstellt. (Zu diesem Thema empfehle ich übrigens die Lektüre von Felix Finkbeiners Buch: Der Baum.)  

Eine weitere Herausforderung, die sich dabei ergibt, ist die Tatsache, dass viele Fertigungsprozesse oft nur mithilfe von Tabellenwerten als „Durchschnittswert“ ermittelt werden. Selten werden die tatsächlichen Begebenheiten in einem Fertigungsbetrieb miteinbezogen. So macht es für die korrekte Beurteilung eines Fertigungsprozesses einen großen Unterschied, ob der Herstellungsbetrieb seine Energie aus kalorischen Kraftwerken bezieht, oder aus erneuerbaren Energiequellen. Und bei kalorischen Kraftwerken macht die Bauart wohl auch einen großen Unterschied. Ähnliches gilt für die Beurteilung von Fertigungstransporten in den Vorstufen. Auch hier macht es einen großen Unterschied, ob die Transporte mit etwa mit der Bahn durchgeführt werden, dem LKW, dem Schiff oder ob gar per Luftfracht transportiert wurde. 

Das CO2 – Controlling ist aber nur einer der Faktoren, die wir in Zukunft zu berücksichtigen haben.  

Wir werden auch so etwas wie eine CSR – Bewertung einführen müssen: CSR steht für „Corporate Social Responsibilty“. Es geht dabei um die soziale Verantwortung von Unternehmen. Im Grunde geht es aus meiner Sicht, um den Anstand, den eine Unternehmensführung gegenüber Menschen während der gesamten Beschaffungskette zeigt – oder eben auch nicht zeigt. Anstand ist bekanntlich schwer zu beurteilen. Umso schwerer fällt das, wenn eine entsprechende Beurteilung in unterschiedlichen Ländern, Kulturen und sozialen Verhältnissen zu erfolgen hat. Es haben sich unterschiedliche Organisation darauf spezialisiert, entsprechende Bewertungskriterien zu entwickeln und diese – freilich gegen Entgelt – entsprechend anzuwenden. Es ist zweifelsfrei gut, dass es diese Organisationen gibt und es ist auch gut, dass eine immer größer werdende Anzahl von Unternehmen deren Dienste in Anspruch nimmt. Aber es ist nur einer von vielen notwendigen Schritten. Wenn wir nämlich in einer ehrlichen Produktbeurteilung so etwas wie den „CSR-Grad“ abbilden wollen, dann müssen wir auch sicherstellen können, dass diese Beurteilung auch objektiv richtig ist. Und wir müssen dafür auch Verantwortung übernehmen. Die Frage, die sich jeder Manager und jeder Unternehmer der Branche stellen muss, ist: Wie sicher kann ich mir sein, dass sich unser Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette nur solcher Produkte bedient, deren Unternehmensinhaber wiederum den gleichen Eigenanspruch in Sachen Fairness und sozialer Verantwortung haben, wie in unserer Zieldefinition vorgeschrieben. Bei jedem Artikel, den wir zur Herstellung unserer Produkte einkaufen, sollten wir in der Lage sein ebendiese Frage zu beantworten. Können wir das nicht, sollten wir den Artikel nicht kaufen, oder unseren Lieferanten dazu bewegen, sein Verhalten entsprechend zu verändern. In jedem Fall sollten wir ein solches Bewertungskriterium einführen. 

Ein erster Schritt: Das Lieferkettengesetzt und die Definition des „Product Environmental Footprint“  

Auf politischer Ebene gibt es bereits zwei Entwicklungen in die richtige Richtung: Das Lieferkettengesetz soll in Zukunft Unternehmen dazu bringen, ihre Lieferkette offenzulegen. Dazu müssen Unternehmen ebendiese Lieferkette erst einmal kennen. Da das in den seltensten Fällen tatsächlich der Fall ist, kann ich den gesetzlichen Vorstoß nur unterstützen.  

Der Product Environmental Footprint, oder kurz PEF ist ein von der Europäischen Union angestrebtes System, das Unternehmungen in die Lage versetzen soll, aber auch verpflichten soll, den „Umweltfußabdruck“ ihrer Produkte zu ermitteln und zu kommunizieren. 

Das darf man sich so vorstellen, dass wir beim Einkauf im Supermarkt bei jedem Produkt zusätzlich zum Herstellungsland auch eine CO2 Information und eine ehrliche Information über die im Herstellungsprozess bezahlten Löhne erhalten würden. 

Es ist sicherlich noch ein weiter Weg  

Sicher ist aber auch, dass jedes Unternehmen, das sein Vorgehen als nachhaltig darstellen möchte entsprechende Datenbanken wird aufbauen müssen. Will man diese Datenbanken ehrlich und korrekt füllen, werden ebendiese Unternehmungen noch viel über ihre eigenen Lieferketten lernen müssen. Nur mit Wissen über die eigene Lieferkette können dann auch Verbesserungen umgesetzt werden.

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