Geht nachhaltig auch billig?

„Um diesen Preis kaufe ich mir vier Bekleidungsstücke“,  „Zertifikate zur Nachhaltigkeit bekomme ich dort auch“, „Ihr mit Eurer Nachhaltigkeit, schön und gut, aber das kann sich ja keiner leisten“. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht solche oder ähnliche Kommentare in den Sozialen Medien erhalte. Nachhaltigkeit hat eben seinen Preis, aber muss das so sein?

Langsame technologische Weiterentwicklung

Billige Preise für den Konsumenten entstehen in der Regel auf zwei Wegen: Wenn Produkte in großen Mengen aufgrund eines hohen Automatisationsgrades maschinell gefertigt werden, dann können Massenartikel auch fair und billig hergestellt werden. In der Regel trifft das in der Textil- und Bekleidungsbranche nicht zu. Das Herstellungsprinzip in unserer Branche ist im Grund seit hunderten von Jahren dasselbe. Aus einer Faser wird ein Garn gesponnen, daraus ein Stoff gewebt, oder gestrickt. Fasern, Garn oder das fertige Textil werden gefärbt und oftmals ausgerüstet. Dann wird das Material zugeschnitten und nach einem gewissen Schnittmuster zusammengenäht, endgefertigt, oft gebügelt. Die Technologieentwicklungen der letzten 200 Jahre sind überschaubar. Mit nur wenigen positiven Ausnahmen, wie zum Beispiel in der Flachstricktechnologie dümpelt die Innovationsentwicklung unserer Branche vor sich hin. Zu einfach ist es nach wie vor, Nähmaschinen in Länder zu verbringen, in denen die menschliche Arbeitskraft zu verheerend billigen Konditionen verfügbar gemacht wird. Ein Innovationsdruck besteht hinsichtlich der Fertigungstechnologien nicht… (in einem meiner nächsten Artikel an dieser Stelle werde ich mich ausführlicher mit dem Thema Technologieentwicklung in den letzten 40 Jahren in der Textil- und Bekleidungsindustrie beschäftigen). 

Ausbeutung von Mensch und Natur

Der zweite Weg zur Erzeugung von Billigprodukten hat immer etwas mit Ausbeutung zu tun. Und in diesem Bereich bewegt sich unsere Branche. Die Ausbeutung betrifft Menschen, Tiere und die Natur in gleicher Weise.

Menschen betrifft es nicht nur dort, wo in Billiglohnländern Hungerlöhne bezahlt werden, sondern auch dort, wo Arbeiterinnen und Arbeiter und viel zu oft leider auch Kinder tagtäglich völlig ungeschützt hochgiftigen Färbe-, Gärb- oder Bleichstoffen ausgesetzt sind die zu guter Letzt auch noch ungefiltert in die Flüsse der Region abgeleitet werden.

Praktiken wie das leider immer noch weitverbreitete Mulesing bei Schafen machen deutlich, dass in unserer Industrie auch Tiere massiv von der Ausbeutung betroffen sind – gerade in einer Zeit, in der Merinowolle als hochkomfortable und funktionelle Naturfaser weitverbreitet ist. Eine weitere höchst problematische Form der durch unsere Industrie verursachten Tierquälerei ist das Lebendrupfen von Gänsedaunen, sehr oft auch in Verbindung mit der weitverbreiteten Stopfmast.

In der durch Monokulturanbau geprägten landwirtschaftlichen Erzeugung von Naturfasern wird durch den Einsatz künstlicher Düngemittel und Pestizide die Ausbeutung an der Natur offensichtlich. Auch hier werden unter dem Deckmäntelchen der Effizienzsteigerung Kosten und Mühen gespart, die bei verantwortungsvollem Umgang mit den Böden entstehen würden. Bodenbewirtschaftung nach den Prinzipien der Permakultur ist aufwendiger, natürliche Düngemittel sind teurer als künstliche. (mit den verheerenden Auswirkungen der durch Monokultur geprägten Baumwollindustrie auf die Umwelt habe ich mich an dieser Stelle in einem meiner letzten Artikel befasst)

Es gibt keine Ausnahmen

Aus meiner Sicht gibt es keine Ausnahmen:
Nachhaltig ist nie billig – den irgendjemand zahlt den Preis immer. Und da hilft es auch nicht, wenn durch eine Vielzahl von vorgeschobenen Zertifizierungen der Anschein eines nachhaltigen Produktes erweckt wird. Das System bleibt immer das gleiche.

Ein Ausweg aus der Misere ist einerseits in technologischer Weiterentwicklung zu finden, liegt aber auch in der Tragedauer unserer Bekleidungsstücke. Der Preis liegt als auch in der Veränderung des Umgangs mit dem Thema Mode, mit der Veränderung unserer Tragegewohnheiten und somit in der Betrachtungsweise. Ein nachhaltig hergestelltes, vergleichsweise teureres Bekleidungsstück, das eine lange Tragedauer gewährleistet, kann in einer Langzeitbetrachtung deutlich günstiger sein als ein Billigprodukt.

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