In Sachen Nachhaltigkeit befinde ich mich in einer Blase

Mein Umfeld feiert die Denkweise von mir und meinem Team: Wir sind alle einhellig der Meinung : Wir müssen die Bekleidungsindustrie weltweit aus der Sackgasse der katastrophalen Umweltverschmutzung und sozialen Unterdrückung in Richtung einer umwelt- und sozialverträglichen Industrie verändern. Die Auswirkungen unserer Industrie auf Menschen und Umwelt sind so verheerend, dass es für die Zukunft nur diesen einen Weg in Richtung Nachhaltigkeit geben darf.

Was aber, wenn man diese Blase verlässt. Dann zeigt sich doch ein differenziertes Bild. Erst vor zwei Wochen habe ich in einer Diskussion mit Branchenkollegen große Zweifel am Thema Nachhaltigkeit gehört. Es geht dabei vor allem um den Preis der Nachhaltigkeit bzw. der nachhaltig produzierten Produkte. „O-Ton“ der Kritiker: „Spätestens an der Kassa vergisst der Konsument die guten Vorsätze, an der Kasse zählt nur das Geld“. Ein Argument, dass nicht ganz leicht vom Tisch zu wischen ist. Auf jeden Fall ein Argument, dass auf jeden Fall sehr ernst zu nehmen ist.

Gegen Ängste lässt sich schwer argumentieren

Dahinter stehen meistens Ängste. Bei manchen sind es Existenzängste. Wie kann ich als Unternehmer meine Supply Chain fair und nachhaltig gestalten, wenn mein größter und wichtigster Kunde dessen Einkäufe in meinem Unternehmen für den Großteil der Deckungsbeiträge sorgt, seine Kaufentscheidungen zu 100% über den günstigen Preis trifft. Wenn eben dieser Kunde mit seinen Aufträgen dafür sorgt, dass alle meine Mitarbeiter Beschäftigung haben und sich dann jedes Jahr auch noch ein Profit erwirtschaften lässt, dann sind Zweifel und Ängste verständlich und nachvollziehbar.

Bei manchen ist es auch die Angst vor Veränderung und wohl oft auch die Angst vor Verlust des Lebensstandards. Wenn ich mich für eine nachhaltige Lebensführung entscheide, dann würde das ja nicht nur bedeutet, dass ich fair produzierte Bekleidung kaufen müsste – oder eben weniger aber sozial- und ökofair produzierte Bekleidung kaufen sollte. Müsste ich nicht auch meine Mobilität überdenken? Was ist mit meinen geliebten Urlaubsflügen? Was mit meinen Hobbys und Gewohnheiten? Was mit meinen Essgewohnheiten? Es stellt sich in der Tat die Frage, was jeder Einzelne in seinem Leben verändern will.

Und nicht zuletzt gibt es bei vielen die Angst vor Statusverlust. Meinen beruflichen Erfolg konnte ich in der Vergangenheit immer über Symbole nach außen hin demonstrieren. Da war vor allem einmal ein schickes Auto, tolle Reisen, ständig neue Mode und viele weitere Dinge, bei deren Einkauf wir in der Vergangenheit sehr selten darüber nachgedacht haben, unter welchen Bedingungen sie gefertigt wurden und welchen Umwelteinfluss diese Dinge

Dialog ist der erste Schritt

Was aber nun tun mit dieser Erkenntnis? Vor allem einmal: Genau hinhören. Ich denke, wir sollten mit Kritikern mindestens genauso viele Gespräche führen wie mit begeisterten und überzeugten Befürwortern der Nachhaltigkeitsthematiken. Nur so können wir lernen und verstehen. Und nur so können wir Konzepte schaffen, die auch eine echte Chance haben, nachhaltig zu verändern. Solange wir Ängste und Widerstand als absurd vom Tisch weisen, so lange wird sich nichts zum Besseren bewegen.

Wenn wir also nicht das Gespräch suchen, dann laufen wir Gefahr, dass Nachhaltigkeit ein schickes, aber zahnloses Thema bleibt. Und wir laufen weiterhin Gefahr, nicht wirklich ernst genommen zu werden.

Nachhaltigkeit muss leistbar werden

Vor allem aber müssen wir darauf achten, dass Nachhaltigkeit ein Thema wird, dass sich alle leisten können. Solange Nachhaltigkeit etwas ist, was sich eine gut betuchte Oberschicht leisten kann, finanziell schwächer gestellte aber vor Probleme stellt, kann es keinen Durchbruch, keine zufriedenstellenden Lösungen geben. Erst wenn Nachhaltigkeit finanziell für alle umsetzbar ist, dann hat sich das Thema durchgesetzt und dann haben wir unser Ziel im Sinne dieses Planeten und der darauf lebenden Menschen erreicht. Keine einfache Aufgabe – aber das einzige sinnvolle Ziel

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