Modeindustrie am Start Richtung Nachhaltigkeit

Der folgende Artikel wurde auch im Magazin „ÖKO+ Das Fachmagazin für Ökonomie + Ökologie“ veröffentlicht

Lokale Produktionen müssen gestärkt werden – jetzt mehr denn je. Denn Covid-19 hat gezeigt, wie wichtig die europäische Eigenversorgung ist.

Die Bekleidungsindustrie hat sich in den letzten 40 Jahren wenig verändert. Die technologischen Entwicklungen waren verglichen mit anderen Industrien überschaubar. Die Industrie war stark mit der Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer, insbesondere in den Fernen Osten, beschäftigt. Dadurch verlängerten sich die Transportwege deutlich, Umweltbelastung inklusive. Will man Modeproduktion nachhaltig gestalten, müssen vor allem lokale Produktionen wieder angedacht werden. Aufgrund von Covid-19 liegt das nunmehr auch im europäischen Eigenversorgungsinteresse.

Modeproduktion – Status quo und Herausforderung

Die weltweite Produktion wurde aus den EU-Hochburgen der Textilindustrie im ersten Schritt in den europäischen Osten und später vor allem nach China und Indien verlegt. Die beiden Letzteren sind längst nicht mehr die billigsten Produktionsstandorte. Die Modeproduktion – vor allem die Bekleidungsproduktion, die sich mit dem Zuschnitt und dem Nähen von Bekleidungsteilen beschäftigt – ist mittlerweile in Ländern wie Laos, Kambodscha, Pakistan, Bangladesch, Vietnam oder Myanmar angesiedelt. Allesamt Länder, in denen der durchschnittliche Monatslohn maximal 70 bis 80 US-Dollar beträgt und die wöchentliche Arbeitszeit pro Mitarbeiter jenseits der 60 Stunden liegt. Der neueste Trend in Sachen Billigproduktion ist die Verlegung von Standorten nach Afrika. Vor allem in Äthiopien entstehen viele neue Betriebe. Der durchschnittliche Monatslohn liegt dort bei ca. 25 US-Dollar pro Mitarbeiter. Dadurch wurden unzählige Fertigungsbetriebe in ganz Europa geschlossen. Die Maschinen und die Betriebsanlagen wurden verkauft, die ehemaligen Mitarbeiter sind in andere Industrien abgewandert. So darf man sich auch heute noch einen Nähsaal vorstellen: Viele schlecht bezahlte Mitarbeiter sitzen vor technologisch veralteten Nähmaschinen und führen elf bis 13 Stunden am Tag Routinearbeiten durch.

Kaum Ausbildungsmöglichkeiten für den Nachwuchs

Die meisten Textil- und Bekleidungsschulen haben ihr Angebot auf ein Minimum reduziert. Manche Schulen haben ihren Textil- oder Bekleidungszweig komplett geschlossen. Eine universitäre Ausbildung für die Textil- oder Bekleidungsbranche hat es in Österreich ohnehin noch nie gegeben. Die Modeindustrie steht vor dementsprechend großen Herausforderungen bei der Ausbildung des eigenen Nachwuchses.

Umweltbelastung durch Verwendung in Europa verbotener Chemikalien

Auch in der Textilindustrie, der Vorstufe der Bekleidungsindustrie, waren die technologischen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten überschaubar. Webstühle sind robuster und schneller geworden, eine grundlegende technologische Veränderung hat es aber nicht gegeben. Aufgrund der Größe der Maschinen ist allerdings die Textilindustrie nicht ganz so schnell in Sachen Verlagerung. So sind heute China und Indien die größten Produktionsländer. In der Textilindustrie kommen zum Färben und Ausrüsten unzählige Chemikalien zum Einsatz. Die Liste der verbotenen Chemikalien am europäischen Markt ist sehr umfangreich. Da Textilien für die lokalen Märkte in den Herstellungsländern nicht annähernd so strikten Bestimmungen bezüglich Verwendung von Chemikalien unterworfen sind, ist die entsprechende Umweltbelastung durch diese Herstellungsstufe massiv.

Auch in der Vorstufe der Textilindustrie – der Herstellung von Fasern zur Garnerzeugung – finden sich unzählige höchst problematische Umweltthemen, allen voran die Herausforderungen in der Baumwollindustrie: Genmanipulation, Unterdrückung von Kleinbauern durch Saatguterzeuger, Einsatz von Pestiziden, enormer Wasserverbrauch, unkontrollierter Einsatz von Chemikalien in der Weiterverarbeitung. Lösungen sind durch den immer noch geringen Anteil an nachhaltig gewonnener Baumwolle – er liegt weltweit nach wie vor unter fünf Prozent der jährlichen Anbaumengen – in weiter Ferne. Durch immer höhere Absatzmengen der gesamten Branche steigt der Leistungsdruck.

Wachstum der Produktionsstückzahl

Die Situation verschärft sich durch das enorme jährliche Wachstum der Branche. Die Anzahl der weltweit hergestellten Bekleidungsteile hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Die Wachstumstendenz ist anhaltend. Verkürzter Konsum in den hochentwickelten Ländern und der anhaltende Trend zur „Fast Fashion“ sind der Motor dieser Entwicklung.

Und was passiert mit den Abfällen?

In der textilen Fertigungskette fallen etwa Abfälle an, die beim Zuschnitt von Bekleidungsteilen entstehen, bis hin zur Verwertung und Entsorgung von nicht verkauften Bekleidungsteilen. 95 Prozent der Bekleidungsabfälle werden weltweit unbehandelt deponiert, nur ein geringer Teil wird thermisch entsorgt oder gar weiterverarbeitet. Abfalltrennung und die damit verbundenen Sammelsysteme fehlen in den meisten Ländern Asiens und Afrikas. In weiten Teilen Europas hingegen ist es bekanntlich anders. Auch das Thema Kreislaufwirtschaft ist in Europa in den ersten Schritten schon umgesetzt.

Technologieentwicklung braucht Richtungsänderung

Die Entwicklung der Fertigungstechnologien hat sich ebenfalls dem Trend der letzten 40 Jahre angepasst. Zwar hat die Maschinenindustrie immer wieder Automaten entwickelt, deren Anwendung die Durchführung komplexer Fertigungsschritte in kürzerer Zeit ermöglicht. Diese Automaten waren aber immer auf das Ziel ausgerichtet, große Fertigungsmengen in noch kürzerer Zeit abzuarbeiten. Eine Entwicklung, die sich damit beschäftigt hat, wie kleinere Produktionseinheiten einer Europaproduktion schnell und kosteneffizient durchgeführt werden können, fehlte bisher weitgehend. Die Produktionsloszahl „1 Stück“ ist bis dato noch nicht als Zielsetzung definiert worden.

Neues Mindset gefragt

Es braucht mehr Partnerbetriebe, mehr gut ausgebildete Mitarbeiter sowie Produktionsmaschinen mit neuem Design. Nachhaltigkeit in Europa benötigt eine Neuorientierung der Modebranche in Richtung wesentlicher Investitionen – verknüpft mit Umdenken und einem neuen Mindset.

Startup BREDDY’S als Pionier

Das Modestart-up „Breddy’s Crossover Pants“ wurde mit der Idee, ein Modeprodukt von der Faser bis zur Endfertigung zu 100 Prozent in Europa zu produzieren, umgesetzt. Wir verstehen das als Beitrag dazu, die Modebranche wieder ein Stück besser und nachhaltiger zu machen und mit Ressourcen fair und bewusst zu wirtschaften. Unsere Vision ist industrielle Fertigung mit der „Serienstückzahl 1“ in unmittelbarer Nähe des Point of Sale. Eine „Breddy’s-Crossover-Hose“ soll dieser Vision nach erst in dem Moment gefertigt werden, in dem der Konsument die Kaufentscheidung für das Produkt getroffen hat. Je mehr Unternehmen diesem Beispiel folgen, umso größer ist die Chance, dass die Modeindustrie vom Start zur Nachhaltigkeit auch ins Ziel kommt.

This Post Has 2 Comments

  1. Gerhard Hämmerle

    Sehr interessanter Artikel, Claus!
    Gefällt mir dein Einsatz und dein Konzept und die visionäre Ausrichtung deiner Firma!!
    Alles Gute und mach weiter so!
    Lg
    Gerhard

    1. Danke Gerhard für Deine Rückmeldung und Deine guten Wünsche! Wir machen ganz sicher weiter so und haben noch viel vor uns, was wir umsetzen wollen! Es ist an der Zeit, die Bekleidungsindustrie positiv zu verändern!
      Liebe Grüße Claus

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