Und nach der Krise? „bewusstes Wirtschaften“ oder „more of the same“?

Es ist wieder Lockdown!  

In vielen Teilen Europas – in manchen Ländern härter, in anderen in abgeschwächter Form – sind Geschäfte, Schulen, Universitäten gesperrt. Restaurants dürfen nur liefern, aber keine Gäste empfangen, der Onlinehandel blüht.  

Irgendwie fühlt sich die Situation aber schon vertrauter an. Wir kennen das schon vom ersten Lockdown im Frühjahr. Der ist auch vorüber gegangen. Und schon damals haben wir uns gefragt, wie wird es weiter gehen. Was wird nach der Krise sein? Wird sich etwas verändern? Schon im Frühjahr habe ich mich in einem meiner Blogs damit befasst, welche gesellschaftlichen Veränderungen dieses Krise nach sich ziehen wird und welche Auswirkungen wir in der internationalen Bekleidungsindustrie spüren werden. Jetzt sind wir schon einen Schritt weiter – wir wissen schon etwas mehr. 

Die Auswirkungen von COVID auf die Bekleidungsbranche 

Die Zahlen sprechen hier vorerst eine klare Sprache: Die Bekleidungsbranche gehört – wenn man das so darstellen will – zu den größten Verlierern der COVID Krise. Branchenbeobachter berichten von Umsatzeinbrüchen von 20%bis zu 80% im ersten Halbjahr. Dort wo es keine Feste, keine Bälle, keine Galaveranstaltungen gibt, dort wird auch keine festliche Bekleidung mehr benötigt. Zu Hause vor dem Fernseher und im Homeoffice braucht der Mann keinen neuen Smoking und die Frau kein neues Abendkleid. Wenn zu Weihnachten – was derzeit noch diskutiert wird – die Skigebiete in Europa geschlossen bleiben – dann trifft das auch die Hersteller von Skibekleidung hart. Die Vororder war ohnehin schon schlecht – und jetzt gibt es auch noch kaum Chancen auf einen gesunden Abverkauf der Ware. Diese Situation hat Auswirkungen auf alle Stufen in der Lieferkette in allen Ländern dieser Welt. Der Ordnung halber sei hier erwähnt, dass es in dieser speziellen Situation auch in unserer Branche Gewinner gibt. Überall dort wo die Bekleidung dem Katastrophenschutz dient und die Unternehmungen in den vergangenen Jahren eine starke Positionierung aufgebaut haben, dort sind die Auftragsbücher voll – und die Umsätze sind teilweise deutlich höher als in den letzten Jahren. 

Wie aber wird es weitergehen?  

An dieser Fragestellung scheiden sich die Geister. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten unzählige Gespräche mit Branchenkollegen geführt. Und ich habe auch mit vielen Experten aus anderen Industrien gesprochen. Die einen orten eine Veränderung des Käuferverhaltens in Richtung Nachhaltigkeit. Der Konsument überlegt – glaubt man dieser Gruppe – zukünftig viel genauer, wo Produkte herkommen, wie sie erzeugt wurden, wie lange sie verwendbar sind und eventuell auch ob sie im Sinne der Kreislaufwirtschaft wiederverwendbar oder wiederverwertbar sind. Die Krise hätte demnach zu einer Bewusstseinsstärkung in Richtung Wertigkeit und Werthaltigkeit geführt. Der Einzelne hat auch mehr Zeit, sich mit dem Produkt seiner Wahl zu beschäftigen und gezielt auszuwählen.  

More of the same?  

Die anderen aber meinen, wenn die Krise überwunden ist, dann wird der Konsum genauso fortgesetzt wie früher. Und Konsumenten und Industrie werden gleichermaßen interessiert sein, alles wieder aufzuholen und das „Versäumte“ nachzuholen. Die Achtung der Umwelt, Wertigkeit von Produkten und die Einhaltung sozialer Standards werden dabei keine Rolle spielen. In diesem „more of the same“ Szenario werden die Vorgehensweisen von Industrien alles bis jetzt Dagewesene noch brutal in den Schatten stellen. Es gilt den Börsenwert der Aktien zu pushen – koste es was es wolle. 

Es liegt also wieder einmal an jedem Einzelnen 

Wie es nach der Krise weitergeht, wird aber am Ende dadurch bestimmt werden, wie sich jeder einzelne Konsument verhält. Genau das ist auch der Beitrag, den jeder von uns leisten kann und muss. Ob unser Fokus der sozialen und gesellschaftlichen Weiterentwicklungen und der gesunden Ressourcenverwendung gewidmet sein soll, oder ausschließlich der Entwicklung der Aktienmärkte – das liegt an uns. Und wenn diese Krise irgendeinen Sinn gehabt haben soll, dann hoffe ich doch sehr, dass sich viel mehr Menschen als zuvor den Ideen der Nachhaltigkeit verschreiben werden.  

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