Warum wir innovative Materialien für die Bekleidung benötigen

Baumwolle ist mit hohem Abstand die am meisten eingesetzte Naturfaser auf diesem Planeten. Laut einer Studie des WWF werden 50% – der Bekleidung weltweit aus Baumwollfasern hergestellt. Rund 80 Millionen Kleinbauern und insgesamt 250 Millionen Menschen weltweit arbeiten auf Baumwollfeldern und verdienen Ihren Lebensunterhalt – mehr oder weniger – mit dem Anbau von Baumwolle. 

Das Problem – Baumwolle ist auch die mit Abstand problematischste Naturfaser. Nicht die Baumwollpflanze selbst ist problematisch, sondern die Art und Weise wie sie „konventionell“ angebaut wird. Und obwohl die Herausforderungen rund um die Baumwolle eines der bekanntesten Probleme der Textil- und Bekleidungsindustrie darstellt, mit dem sich auch weltweit viele Veröffentlichungen befassen, die Probleme rund um den Baumwollanbau sind aktueller denn je – und von einer Lösung ist unsere Branche immer noch weit entfernt.

Der Aralsee ist schon lange ausgetrocknet – eine Folge der Baumwollproduktion

Die bekanntesten Probleme rund um die Baumwolle sind die durch Monokultur ausgelaugte Böden, der damit in Verbindung stehende gigantische Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie der enorme Wasserverbrauch. Hier nur ein bekanntes Beispiel: Der zentralasiatische Aralsee im Grenzgebiet zwischen Usbekistan und Kasachstan war früher der viertgrößte Binnensee der Welt. Im vergangenen Jahrhundert wurden gigantische Bewässerungsanlagen für die industrielle Bewässerung von Baumwollmonokulturen geschaffen. Die damit in Verbindung stehende Wasserentnahme aus den beiden Hauptzuflüssen des Sees haben dazu geführt, dass der Aralsee heute weitgehend ausgetrocknet ist. Wir alle kennen Bilder von Schiffen, die jetzt auf trockenem Wüstenboden liegen. Der See als Lebensgrundlage für viele Menschen ist komplett verschwunden.

Im Schnitt werden konventionelle Baumwollmonokulturen zwanzig Mal pro Ernte mit Düngemittel und Pestiziden gespritzt. Unterschiedliche Studien gehen davon aus, dass jährlich zwischen 20.000 und 40.000 Menschen unmittelbar an den Folgen des Pestizideinsatzes in Baumwollfeldern sterben, nicht eingerechnet die Anzahl der Menschen, die mit den Folgen der Wasserverschmutzung der Abwässer leben müssen und daran erkranken – denn die Abwässer der Baumwollfelder sind beträchtlich konterminiert, die Wasserqualität der Flüsse in den Anbaugebieten ist verheerend.

Es gibt noch weitere, nicht so oft diskutierte Probleme

Zwangsarbeit: Es ist davon auszugehen, dass heute noch bis zu 25% der weltweiten Baumwollernten mit Hilfe von Zwangsarbeitern entstehen. Sowohl in China als auch in Usbekistan muss unabhängig davon, dass dies von den jeweiligen politischen Regimen bestritten wird, davon ausgegangen werden, dass Zwangsarbeiter auf den Baumwollfeldern eingesetzt werden. China und Usbekistan gehören zu den größten Baumwollproduzenten der Welt.

Auch Kinderarbeit gehört zu den Problemfeldern rund um die Baumwollproduktion, die UNICEF spricht von 90 Mio Kindern weltweit, die auf Baumwollfeldern arbeiten müssen.

Ein massives Problem stellt genmanipuliertes Saatgut dar. Zum einen, weil die Folgen der Genmanipulation für Mensch und Natur wie auch in der Nahrungsmittelindustrie weitgehend unerforscht sind. Genmanipuliertes Saatgut es aber vor allem deshalb problematisch, weil sie weitgehend die gewünschte Wirkung verfehlt. In Folge ihres Einsatzes, der den Befall durch den Hauptschädling eindämmt, kommt es zu vermehrtem Befall durch andere Schädlinge während der Hauptschädling zusehends Resistenz entwickelt. Ein Kreislauf der nicht zum Erfolg führt. 75% der weltweiten Baumwollproduktion erfolgt mittlerweile mit genmanipuliertem Saatgut. Für genmanipulierte Baumwolle unterliegt – anders als Nahrungsmitteln – keiner entsprechenden Kennzeichnungspflicht.

Massive Verschuldung von Kleinbauern

In baumwollproduzierenden Ländern, allen voran in Indien gibt es jährlich eine unfassbar hohe Anzahl von Selbstmorden. Der Grund: Die hohe Verschuldung der Kleinbauern. Für den Ankauf von Saatgut, Pestiziden und Düngemittel verschulden sich Kleinbauern zusehends bei Kreditgebern. Wenn überhaupt, reichen die erzielten Erträge meistens nur für die Rückzahlung der überhöhten Zinsen. Es folgt ein Kreislauf der Verschuldung der in den letzten 20 Jahren zu 300.000 dokumentierten Selbstmorden geführt hat. Die Dunkelziffer dürfte diesbezüglich noch viel höher sein. In vielen diesbezüglichen Publikationen wird in diesem Zusammenhang die Verantwortung des Unternehmens Monsanto als Saatgutlieferant genannt. Das tatsächliche Ausmaß dieser Tragödien lässt sich in Wahrheit nicht abschätzen.

Baumwolle wird in den seltensten Fällen direkt vor Ort verarbeitet. Zur Sicherstellung einer gleichbleibenden Qualität ihres Endproduktes – dem Garn – verwenden Spinnereien als Ausgangsmaterial Baumwollrohballen, die sich durch eine Mischung von Baumwollen aus mehreren Herstellungsländern auf der ganzen Welt zusammensetzen. Das bedeutet, dass Transporte über den gesamten Globus noch vor der Weiterverarbeitung der Baumwolle zum Garn stattfinden.

Auch der Chemieeinsatz in der Weiterverarbeitung der Baumwollfasern, allen voran beim Färben ist enorm umweltschädlich und die diesbezüglichen Standards entsprechen in den wenigsten baumwollproduzierenden Ländern den in der Europäischen Union oder den USA geltenden Beschränkungen. In vielen Ländern werden bis heute hochgiftige und nachweislich krebsfördernde Farbestoffe verwendet. Der Großteil der Farbstoffe landet nach dem durchgeführten Färbevorgang direkt und ungefiltert in den Abwässern. Dementsprechend verseucht und vergiftet sind die Flüsse, die Trinkwasserversorgung ist in vielen Ländern zum existenziellen Problem geworden. 

Ist Bio-Baumwolle die Lösung?

Der weltweite Umstieg auf Bio-Baumwollproduktion wäre ein möglicher und auch sinnvoller Schritt. Durch abwechselnde Fruchtfolgen und Mischfruchtanbau, den völligen Verzicht auf genmanipuliertes Saatgut und die sinnvolle Auswahl der landwirtschaftlichen Flächen können Nährstoffe in den Böden gehalten und wieder aufgebaut werden. Die Folge ist ein geringerer Schädlingsbefall, geringerer Wasserverbrauch und vor allem die Vermeidung von Verunreinigung der Abwässer. Gleichzeitig kann die Effizienz für die Bauern tatsächlich gesteigert werden. Das Problem dabei ist nur: Der weltweite Anteil an Bio – Baumwolle liegt trotz der Ankündigung vieler Hersteller, mittelfristig nur noch Bio – Baumwolle einsetzen zu wollen heute immer noch weit unter 5% der jährlichen Mengen. Manche Quellen sprechen sogar von nur 1 %. Auch wenn man weitere Initiativen für einen besseren und saubereren Baumwollanbau, wie die „Better Cotton Initiative“ in Betracht zieht bleibt es eine traurige Tatsache, dass mehr als 75% des weltweiten Baumwollanbaus bis heute noch „konventionell“ stattfindet.

Wir müssen weiter an Alternativen arbeiten

Zur Lösung dieser Herausforderungen müssen wir weitern an sinnvollen Alternativen für die Baumwolle arbeiten. Das Hauptaugenmerk muss selbstverständlich auf der Ressourcenvermeidung liegen. Auch Kreislaufwirtschaft wird ein wichtiger Weg werden. Ganz sicher müssen wir aber auch weiterhin alternative Fasern entwickeln und in Folge etablieren, deren Herstellungsprozess keine der oben beschriebenen dramatischen Folgen für Mensch und Umwelt haben. 

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